Medellín, Colombia - Polarsteps

Nach einer etwas kürzeren Nacht stand heute Mittwoch eines meiner Highlights des Medellin-Aufenthaltes an: Um 8:30 fuhren wir mit einem gesprächigen Uber Fahrer eine kurvige, steile Strasse am Westrand Medellins hoch. Hinter uns eröffnete sich der Blick über die rote Stadt, vor uns erhoben sich die dicht bewachsenen Hügel, an denen die Häuserreihen wie Kletterpflanzen hinaufwachsen. Pünktlich kommen wir bei DDC (Desarrolladores de Cafe) an - eine Kaffee Beneficio, die am Stadtrand Spezialitätenkaffee verarbeitet und exportiert - darunter auch in die Schweiz zu dem Cafe, in dem ich als Barista tätig war. Von daher habe ich auch den Kontakt. Diese Beneficio wird von Nikolai geführt, einem ausgewanderten Deutschen, der regelmässig verschiedenste Kaffeepreise abräumt und zu den bekannten Namen der ‚Szene‘ gehört. Wir werden in einem industriellen Gebäude empfangen, und mit Blick über die pulsierende Stadt wird der erste Kaffee des Tages serviert. Ein Geisha aus Tolima von Bauer Jorge Rocas, der am Cup of Excellence Colombia den 3. Platz erzielte und 93 (von 100) Punkte erreichte. Für die weniger kaffeeaffinen Leser, die sich eher im Geschäft der fermentierten Trauben auskennen, hier die entsprechende Analogie: uns wird gerade in einem Chateau ein 20-jähriger Mouton Rothschild serviert. Koffiniert startet nun die Tour, die von der Pflanze bis in die Tasse reicht: Bei dieser Beneficio gibt es auch noch eine Kaffee Finca, die ursprünglich kommerziellen Kaffee (Kaffee in grossen Mengen, industriell verarbeitet) anbaute, und sich nun seit einigen Jahren auf Specialty Coffee fokussiert. Kleiner Exkurs zu Specialty Coffee: Dieser zeichnet sich primär durch zwei Eigenschaften aus, Geschmack und Rückverfolgbarkeit. Specialty Coffee darf sich nur nennen, wer mindestens 84 Punkte (die gleiche Skala wie oben) erreicht; und genau rückverfolgbar ist (von welcher Finca, welche Varietät, Ortschaft, Anbauhöhe, etc). Also, wir sind nun auf dieser Finca und begutachten als erstes die Pflanzen im Semillero: dort werden kleine Pflanzen in ‚Töpfen‘ während 8-12 Monaten herangezüchtet bevor sie ins Feld gepflanzt werden. Unser Bauer verwendet hierfür doppelt so grosse Töpfe wie normal, und lässt die Pflanzen während 12 statt nur 8 Monaten heranwachsen. Dies hat zur Konsequenz, dass die Überlebensrate der Bäume im Feld gesteigert wird. Uns wird erzählt, dass die Sterblichkeit pro Jahr bei 1.5% der Bäume liegt - von meiner Zeit in Nicaragua weiss ich noch, dass diese normalerweise mit 3% doppelt so hoch ist. Von dort machen wir uns auf ins Feld und begutachten einige Pflanzen, immer wieder eine magische Erfahrung. Aline probiert ihre erste Kaffeekirsche (die Frucht rund um das schwarze Gold, das in ungeröstetem Zustand auch eher grün ist) und ist sichtlich beeindruckt vom Geschmack - das freut mich ;). Nun verfolgen wir den ganzen Verarbeitungsprozess von Depuplping, Washing, Trocknung bis hin zur Schälung und Sortierung (ich erspare euch die Details, man kann von mir aber gerne eine extensive Version der Erklärung anfordern). In einem letzten Schritt wird jede einzelne Bohne vom Hand auf sogenannte Defekte überprüft - zwei Frauen auf Stühlen sitzend machen den ganzen Tag nichts anderes als jede einzelne Bohne zu untersuchen. Aline meint bereits zu mir, dass sie viel bewusster Kaffee trinken wird ab jetzt (dieser aufwändige Prozess kommt natürlich nur bei Specialty Coffee zur Anwendung. Der Supermarktkaffee erfährt nicht annährend dieselbe Wertschätzung). Die Führung endet und wir landen wieder im selben Raum wie zu Beginn, der sich inzwischen gefüllt hat. Nikolai und Freundin (aus Kolumbien) und Kaffeebauer, der zu Besuch ist, sind da drin und wir führen gute Gespräche. Mal wieder sind wir überrascht wie klein die Welt ist - wir haben mindestens 5 gemeinsame Kontakte. Wir dürfen noch an einem Cupping teilnehmen, so heisst ein Tasting in der Welt des Kaffees, und machen uns danach - überkoffiniert - langsam auf den Weg in Richtung Communa 13. Communa 13 ist ebenfalls ein unglaublich eindrücklicher Stadtteil, ursprünglich eine illegale Siedlung und bis vor ein paar Jahren gefährlichstes Pflaster Kolumbiens mit Gewalt, Drogenkartellen und Guerilla-Herrschaft und heute ein Touristenmagnet. Dies liegt daran, dass vor einigen Jahren massiv in die Infrastruktur und Sicherheit investiert wurde. So gibt es beispielsweise auch Rolltreppen, die durch das ganze am Hügel liegende Quartier führen. Bevor wir aber losziehen gibts noch einen kurzen Streetfood Lunch - und wir beide geniessen, dass sich der Magen nicht dagegen aufbegehrt. Wir spazieren durch den Stadtteil, beeindruckt von den Wandmalereien, kleinen Gassen und Nutzung jedes Quadratmeters für Wohn- oder Gewerberaum. Wo Schweizer Stadtplaner vom ‚verdichtetem Bauen‘ sprechen, würde ein wahrer Communa 13 Bewohner noch Platz für eine zusätzliche 10-köpfige Familie finden. Beindruckt vom Architektur und Leben (überall Läden, Musik, Tanzeinlagen,…) kommen wir oben an und gonnen uns ein wohlverdientes Maracuja-Bier! Bevor wir uns auf den Heimweg machen, machen wir noch eine Fahrt mit dem Cable Car über den Dächern Medellins und sehen wieder unterschiedlichste Stadtteile - einige davon, die wir nicht nach Einbruch der Nacht besuchen wollten. Diese Stadt ist wirklich beeindruckend und es wimmelt nur so von Überlebenskünstlern die aus sehr wenig eine Lebensgrundlage schaffen.
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