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Europa Teil 3
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Cetinje
Cetinje, Montenegro - Polarsteps
Winterwonderland
Bei einem Bäcker, ich halte kurz am Straßenrand, holt Fini etwas auf die Hand, dann geht es aus Budva hinaus und in die Berge. An einer EKO-Tankstelle mit tollem Panoramablick zurück aufs Meer lassen wir Frido für 1,56 EUR/l Diesel relativ günstig vollmachen und nehmen noch Getränke mit. Auf der M2.3 fahren wir weiter bis Cetinje. Das Städtchen liegt auf rund sechhundertsiebzig Metern über dem Meer und am östlichen Ausläufer des Nationalpark Lovćen und gleichnamigen Bergmassivs. Nach dem Stadtbummel in Budva, mit Erfrischung am Strand sind wir doch etwas baff, als wir den geräumten Schnee auf den Gehwegen und die Leute in Winterklamotten sehen.
Eine schmale Straße führt uns in südwestlicher Richtung aus der Stadt hinaus und in den Nationalpark. Mit jeder Serpentine wird der Schnee links uns rechts mehr. Die Straße ist frei - noch, und so fahren wir weiter. Unser Ziel ist das Mausoleum von Petar II Petrovic-Njegos, eine der Sehenswürdigkeiten im Nationalpark. Wir fahren durch eine wunderschöne, winterliche Bergwelt, vorbei ein kleinen Dörfern und Chalets, einem Hotel, einem Skilift und einem Pferd. Als wir an dem Parkplatz ankommen, den wir uns für die Nacht auf Park4Night ausgesucht hatten, stehen wir sprichwörtlich vor einer Wand. In diesem Fall vor einer weißen, die der Schneepflug beim Räumen der Straße hier aufgetürmt hat. Die Sonne ist schon hinter den Bergen verschwunden, es wird von Minute zu Minute dunkler und Fini wird langsam unruhig. Auf dem Weg von Cetinje hierher haben wir keine relevante Übernachtungsmöglichkeit gesehen, der Weg zurück bis zur Stadt erscheint uns zu weit. Was tun?
Na klar, wir fahren den Berg noch weiter hoch. Ein paar Kurven und eine Serpentine weiter zwischen hoch aufgeschüttetem Schnee hindurch stehen wir unverhofft auf einer kleinen freigeräumten Fläche. Ein Auto parkt hier, ein anderes kommt gerade hinter uns an. Später kommt noch ein Radlader von oben, der am Räumen ist.
Das letzte Licht des Tages ist am verblassen und so beschließen wir die Nacht hier auf dem Berg, zwischen Eis und Schnee zu verbringen. Das hatten wir so auch noch nicht.
Gefahren ___.___._63 km
+ Übertrag ___.__7.081 km
= Total ___.__7.144 km
Aus dem Auto, das nach uns die Straße heraufkam, steigen eine Frau, ein Mann und ein Mädchen. Er hält einen Welpen auf dem Arm und fragt, ob es unserer sei, sie hätten ihn auf dem Weg hier her am Straßenrand gesehen und mitgenommen.
Die Situation ist ja nicht schon außergewöhnlich genug, dann kommt auch noch sowas. Die kleine Fellnase, vermutlich ein Ausi-Boardercollie-Mix, ist wirklich putzig und uns ging unabhängig voneinander auch ganz kurz der Gedanke durch den Kopf, ob wir sie annhemen sollen.
Wir bereiten uns vor:
Unsere Dämmmatten befestigen wir an den Heckscheiben, davor setzen wir unsere Sofakissen, vor den Durchgang zur Kabine hängen wir zum Vorhang ein zusätzliches Tuch. Dann schalten wir die Heizung an und bekommen kurz einen Schreck. Sie zeigt einen Fehler an, ausgerechnet heute? Das hat sie noch nie gehabt. Fini liest die Gebrauchsanweisung quer, daraufhin ziehe ich mich nochmal warm an und überprüfe unter dem Auto die einzelnen Komponenten. Hier sieht Alles gut aus, die Dieselpumpe sitzt fest und arbeitet problemlos, die Treibstoffleitung leckt nicht. Vielleicht war nach dem Betanken ein Luftbläschen im System. Wie auch immer, die Fehlermeldung erscheint nach einem Neustart der Heizung nicht mehr und wir können es uns gemütlich machen.
In der Nacht als ich mit Flips nochmal vor die Tür gehe ist um uns herum absolut nichts zu hören. Es scheint, als wäre sogar die Luft eingefroren. Der Sternenhimmel über uns ist grandios und der Schnee glitzert wie mit hunderten Kristallen überzogen. Dann kracht irgendwo ein Ast, der den Schnee nicht länger tragen konnte, Flips und ich erschrecken beide, der Zauber der Winterstille ist gebrochen. Uns reicht es aber auch und wir sind froh wieder in den warmen Bus zu kommen.
Zum Schlafen machen wir die Heizung aus. Das ist uns doch zu unruhig. Mit langer Unterwäsche und einer zweiten Decke wird es schon gehen. Wir tauschen auch den Schlafplatz, damit Fini nicht an den Hecktüren liegt, hier kann es doch immer wieder etwas ziehen. Die Nacht an sich ist soweit ruhig, wir wachen gelegentlich auf, wenn ein Fuß oder ein Arm unter der Decke herausrutscht und kalt wird, können aber jedesmal wieder einschlafen.
Ja, wir können mit gutem Gewissen festhalten, dass wir die Premiere "Wintercamping mit Frido" erfolgreich gemeistert haben.
Von unserem Schlafplatz machen wir uns am nächsten Vormittag auf den Weg in Richtung Mausoleum. Von hier aus wären wir mit Frido nicht weiter gekommen. Im Verlauf des Sträßchens ist zwar der Schnee zur Seite geschoben, aber bis auf den Belag wurde nicht geräumt. Die weiße Pracht ist hier eine zusammengefahrene, zum Teil gefrorenen, harte Schicht über dem Asphaltbelag. Selbst in unseren Wanderschuhen müssen wir aufpassen nicht den Halt zu verlieren.
Nach dem wir die ersten zwei- dreihundert Meter hinter uns gebracht haben kommt von hinten ein Lada angeschnurrt, mit seinem Allradantrieb kommt das kleine Geländefahrzeug problemlos nach oben.
Eine Haarnadelkurve und fünfzig Höhenmeter Aufstieg später stehen wir vor dem Eingang eines kleinen Restaurants. Die Tür ist offen, eine Treppe drinnen führt nach unten, es ist Musik zu hören. Wir gehen am Eingang vorbei und stehen kurz darauf vor einem unbeschreiblichen Panorama. Um uns herum erstreckt sich die schneebedeckte Bergwelt, am Horizont sehen wir die Adria, schemenhaft in der Ferne Land. Das muss Italien sein. Im Süden reicht der Blick bis zum Skutarisee und den Albanischen Alpen. Wir können eine Reihe Windkraftanlagen wiedererkennen, die wir von dem Schlafplatz unserer ersten Nacht in Montenegro aus schon gesehen haben. Nach Norden ist es nicht mehr weit bis zur Bucht von Kotor und zur Grenze nach Kroatien.
Wir stehen auf mehr als fünfzehnhundert Metern über dem Meer im Schnee, es ist eiskalt, die Sonne scheint und wir sehen vor uns die Adria. Es ist unfassbar und wir sind einfach nur schwer beeindruckt.
Hinter dem Restaurant führt eine verschneite Treppe nach oben, wir folgen ihr und erreichen eine Absperrung. Von hier würde es weiter zum Mausoleum gehen. In einem kleinen Häuchsen abseits des Wegs sitzt ein Nationalparkmitarbeiter allein vor einem Bildschirschm, er schaut irgendeine Fernsehsendung. Der Mann erklärt uns, dass der Zugang zur Zeit auf Grund des Schnees gesperrt ist. Wir genießen noch etwas die Aussicht, als ein Mann aus dem Restaurant mit einer Autobatterie zu uns aufsteigt. Er bringe sie dem Kollegen vom Nationalpark meint er. Wir können froh sein, jetzt hier zu sein erklärt er weiter, zur Hauptsaison würden sich hier tausende von Touris die Füße gegenseitig platt treten.
Wir stapfen noch ein wenig durch den Schnee, steigen schließlich wieder ab zu Frido und machen uns auf den Rückweg nach Cetinje. Auf dem Weg durch den Nationalpark sehen wir den Skilift in Betrieb und auch das Pferd von gestern nochmal, es knabbert an etwas Heu, das jemand am Straßenrand ausgelegt hat.
So endet dieses Abenteur im Winterewonderland. Wir waren lediglich ein paar Stunden hier, es fühlt sich aber so viel länger an.
Country Guides:
Montenegro